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Enno Bunger

- Was berührt, das bleibt. Live 2019 -


Sa 19

Oktober

2019

Einlass: 18:30

Beginn: 19:30

„Zeit ist Geld – wir werden so reich geboren.“

Das allein ist schon ein Satz für die Ewigkeit. Für die Nachwelt. Als Erinnerung daran, wie häufig wirdiesen wahren Reichtum achtlos verschwenden. Meistens bemerken wir das erst, wenn der Tod in unser Leben tritt und liebe Menschen dieses Reichtums viel zu früh beraubt. Eben glaubten sie sichnoch wohlhabend, hatten ihr halbes Leben vor sich, mindestens… doch dann sind sie weg. All die Erlebnisse, die noch hätten sein können. All die Erinnerungen, die zu sammeln man aufgeschoben hat,während man stattdessen Quittungen sammelte für die Steuer oder verfluchte Kontakte für dasberufliche Netzwerk. Wozu?

Wäre Enno Bunger bloß ein musikalischer Dienstleister, würde er seine persönlichen Erfahrungen mitdem Tod ignorieren. Den Menschen, den er tatsächlich verloren hat. Den Menschen, der gerettetwerden konnte. Er würde die Spuren auf seiner Seele für sich behalten und in seinen Liedern einfachunverfängliche Phrasen collagieren, wie man es heute so macht. Aber Enno Bunger ist Künstler. Und als solcher lässt er uns teilhaben. An der Furcht vor dem Diebstahl der Lebenszeit und dem Zorn aufdie Unverfrorenheit des Räubers. An der Innigkeit und Nähe, die im gemeinsamen Kampf entsteht. Ander Trauer, wenn der Kampf verloren geht und an dem völlig neuen Blick auf das Leben, wenn manihn gewinnt und seine Zeit nicht länger vergeuden möchte.„Ich schieb nichts mehr auf meine Bucketlist / Ich leg jetzt los bevor alles im Eimer ist.“

Enno Bungers viertes Album bietet den Soundtrack für ein besseres Leben. Eines, in dem man liebergute Erinnerungen sammelt als Messenger-Verläufe. Eines, in dem die Qualität des Augenblicksgrößeren Wert hat als das imaginierte Ziel in der Ferne.„Wir wollen nichts mehr werden / wir wollen nur noch sein.“Die Konsequenz der Platte liegt darin, dass sie diese Qualität lyrisch wie musikalisch injedem Ton umsetzt. Mutig öffnen sich Bunger und seine Musiker modernen stilistischen Formen und nutzen sie allesamt zu ihrem Vorteil. „Bucketlist“, „Wolken aus Beton“, „One-Life-Stand“ und vor allem das sechsminütige „Ponyhof“ erzählen ausschweifend und tanzbar entwaffnend emotionale Geschichten in der einzigen Form, die ein ganzes Leben in ein paar Dutzend Verse packen kann: Dem Sprechgesang. Enno Bunger rappt, und das besser und luzider als die meisten Hauptberufler dieser Gattung! „Glaube an die Welt“ wiederum bettet das Flehen um eine Verlängerung des Daseins in eineangemessen schwere Form. „Niemand wird dich retten“ verknüpft seine Sprachbilder von Superhelden und Videogames launig mit „Stranger Things“-Retro-Synthies. „Stark sein“ und „Konfetti“erinnern als klassisch große und dennoch geschmackvolle Piano-Pop-Balladen an Höhepunkte von Oasis oder Robbie Williams und sind so in diesem Land noch nicht geschrieben worden.

Produziert mit Tobias Siebert (sieben Songs), Roland Meyer de Voltaire (zwei Songs) sowie im Alleingang (zwei Songs), findet die Hingabe an das geschenkte Leben Ausdruck in der Sorgfalt der Arrangements und der Tiefe der Emotionen, aber auch in der Verspieltheit der Sprache selbst. Frische Metaphern versprühen echte Lust auf Lyrik. Übermütige Wortspiele erzeugen geistige Kiekser der Freude bei Zeilen wie: „Du suchst überall nach einem Helden, doch hier ist niemand, der einen Clark kennt.“Die Erinnerung an eine Beerdigung treibt einem die Tränen in die Augen:„Kannst Du das sehen – wie wir uns vor Dir verneigen? / Die Bäume streuen Konfetti und klatschen mit den Zweigen.“Der narrative Marathon von „Ponyhof“ war tatsächlich eine echte Trauzeugenrede. Und spätestens, wenn „jeder Pieks in deinen Arm“ wie „ein Stich in mein Herz“ist, fühlt sich jeder in tiefer Resonanz verbunden, der jemals den Kampf gegen das alte Arschloch Krebs miterlebt hat.

„Ich hätte in dieser Phase eigentlich dringend einen Psychotherapeuten aufsuchen müssen“, sagtEnno Bunger, „aber ich wollte mich durch das Schreiben selbst therapieren. So konnen aus dentraurigsten Anlässen die berührendsten Lieder entstehen. Die größte Scheiße, durch die man gehenmuss, kann der beste Dünger für berührende Kunst sein.“ Nach „Wir sind vorbei“ ist „Was berührt,das bleibt.“ somit ein weiteres Konzeptalbum zur Verarbeitung einschneidender Erlebnisse aus der Feder eines Mannes, der seine ganze Kindheit am Klavier verbracht hat und schon im Alter von 13 Jahren als Barpianist in Ostfrieslands Kneipen spielte. Einer, dessen Wurzeln tief im klassischen Indie-Songwriting eines Bon Iver oder Elliot Smith stecken, dessen Triebe sich aber bis in luftige Höhen vonalternativem Hiphop, ästhetischer Elektronik oder wolkenfeinem Trap recken. Nach dem Hören dieses Albums fragt sich jeder, ob er sein Leben wirklich lebt oder doch mal neu laden sollte. Oder, in den Worten Bungers: „Niemand hier kann Dich retten / Niemand, außer Dir selbst.“